Dienstag, 11. August 2026

 

Die Weisse Frau vom Bishorn

Seit vielen tausend Jahren wohnt die Weisse Frau hoch oben über dem Tal, ihre Augen fest verschlossen, ihr Haupt sanft auf das Bishorn gebettet, harrt sie der Zeit. Ihr strahlend weisses Kleid liegt über Brunegghorn, Weisshorn und Bisjoch ausgebreitet und fällt manchmal wie ein feines Nebeltuch über die scharfen Gräte und Kanten der stolzen Bergriesen.

Seit Anbeginn der Berge begleitet sie das Tun der Menschen unten im Tal, schenkt ihnen Frühling, Sommer, Herbst und Winter und was sie an Nahrung zum Leben brauchen.

Es war kein Schleck für die Talbewohner, das Leben im Tal in früheren Zeiten, die mühselige Arbeit hoch oben am stotzigen Hang. Was auf den steinigen Feldern wuchs, reichte knapp zum Leben und hätte die Weisse Frau den Menschen nicht ihr fruchtspendendes Wasser aus den Höhen geschenkt, so wäre das wenige auch noch verdorrt. Unerschöpflich aber waren die Wasserläufe, die ohne Unterlass unter dem weissen Kleid der Berggöttin hervorquellten, so dass die Menschen ihre Felder und Wiesen damit wässern konnten und somit grünten die Wiesen bis hoch oben am Hang und boten genug Nahrung für Mensch, Schaf und Ziege. Auf dem Feld aber wuchsen der Roggen für ihr täglich Brot und allerlei Gemüse.

So lebte Generation um Generation das immer selbe Leben, im immer selben Rhythmus und in der Verbundenheit mit der Weissen Frau oben am Berg. Und die Jungen wurden alt und die Alten waren längst gegangen. Die Weisse Frau, aber schlief oben am Berg ihren ewigen Schlaf, von der Sonne beschienen. Und die Menschen im Tal hatten ihr genügsames Einkommen.

Doch der Fortschritt hielt auch im Tal Einzug und so manches, was früher kaum zu prästieren war, ging nun einfacher von der Hand.

Die Menschen aber werden übermütig, habgierig und egoistisch. «Wir brauchen die Weisse Frau nicht mehr, wir können uns alles selbst erschaffen und kaufen,» sagen sie. Sie bauen Häuser, wo keine stehen sollten, und fällen Bäume, wo keine gefällt werden sollten, sie bauen Strassen und Fabriken.     

2025 geschah es, dass die Weisse Frau eines ihrer Augen öffnete und hinunter ins Tal schaute uns was sie sah, gefiel ihr gar nicht. Ihr einst blütenreines, weisses Kleid war grau, schmutzig und zerrissen. Da flossen in Strömen bittere Tränen aus ihrem einen Auge, weil sie wusste, dass die Menschen den uralten Bund zwischen Berg und Tal vergessen hatten. Der Bund, welcher von den Altvordern und der Weissen Frau vor Jahrhunderte geschlossen und eingehalten wurde, war nichtig geworden.

Es wird eine Zeit kommen, da wird sich die Weisse Frau von ihrer Schlafstätte erheben, und sie wird ins Tal hinabsteigen. Ihr grauer Mantel aber, der einst blütenrein und schneeweiss war, wird das Tal für immer bedecken mit all den Menschen, Wiesen, Tieren und Wohnstätten und bis in die Städte hinein wird ein grosses Schreien sein.

Text Jürg Steigmeier

 



Samstag, 24. Dezember 2022

Die goldenen Späne

Grußkarte Weihnachten "Christkind" - www.alte-postkarte.de 

 

In Obersax isch äis en aarme Maa am spòòte Wiehnachtsobig vom Meierhof nach Sankt Martin uf em Häiwèèg gsy. Wie n er dur s Tobel glòòffen isch und so sine Gedanke nòòche gsinned hed, isch en prächtige Wage zfaare choo und e wyssi Frau isch dinne gsässe. D Kutsche hed aaghalte, die fürnehm Frau isch uusgstige und hed de Maa zu sich ane gwunke. Er nììd fuul und anegange und do hed si im erchläärt, ass sie am Wage en Nagel verloore heb und si hed ihn aaghalte en nöie schnitze. Oni as er sich lang hed müesse bsinne isch er gange und hed e starchi Ruete abghaue. So guet es gangen isch hed er jez de Nagel druus gschnitzt. Si hed ihm zeigt wo n er in söll instecke und wie ne er s macht, hed er verstuunt gsee, ass d Räder vo dere Kutsche us luuter löötigem Gold gsy sind. Die wyssi Frau hed sich bi de Maa bedankt und isch wider i d Kutsche gstige. Bevor si aber loosgfaaren isch hed si de Maa dra gmaaned, er söll die Holzspöömit, wo s bim Nagel schnitze gèè hed süferli uufnèè und Achtig gèè as er käin verlüürt. Au wenn dem Maa das kurios vorchoo isch, er hed s gmacht und isch dänn gschnell witers gange, s hed nämli scho afange vernachte und dihäi händ Frau und Chind uf in gwaartet. Wo n er ine aber vo dere Begegnig im Tobel verzellt hed, sind im sini Säck z äismòòl sonderbar schwèèr vorchoo. Er hed in Sack glangt und do hed er gsee as sich alli Spöö bis uf de Chlinschti i luter Gold verwandlet händ. Das Gschenk vo de wysse Frau isch grad rächt choo. Ez heds e fröölichi Wienacht gèè, mit Gschänk für all, chasch dir tänke. und si händ nie mee müesse Not lyde i dem chline Huus.

Sagen aus Graubünden, Arnold Büchli 1. Teil, 2. Veränderte und vermehrte Auflage, Seite 178, Sauerländer Verlag